Satire von 1820 bis heute

„Hegels Vorlesungen über die Ästhetik (1835–1838) urteilten noch über die Gegenwart: „Heutigentags wollen keine Satiren mehr gelingen“. Das 19. Jahrhundert sollte ihn auf eine gewisse Art widerlegen. Aus der hohen Literatur verschwand die Satire zunächst in Deutschland zunehmend. Herausragend waren noch Karl Immermanns Epigonen (1836) und Münchhausen (1836–1839), Robert Hamerlings Homunculus (1888). Auch Fontanes Frau Jenny Treibel (1892) trägt satirische Züge. Satirische Schreibweisen finden sich außerdem bei Wilhelm RaabeFritz Reuter und dem konservativen Schweizer Jeremias Gotthelf. Große literarische Satiren entstanden jedoch woanders: bei Mark Twainund Charles DickensAmbrose Bierce (Des Teufels Wörterbuch) und Gustave Flaubert(Bouvard und PécuchetWörterbuch der Gemeinplätze).

Dominiert wurde das 19. Jahrhundert aber vom Aufkommen der gesellschaftskritischen und politischen Satire. Soziologisch kann man sie als Reaktion auf das Bestreben nach Parlamentarismus und Demokratie in ganz Europa und die Entstehung des ganzen Spektrums politischer Parteien sehen. Ihre Pioniere waren Heinrich HeineWilhelm Hauffund Georg Weerth. Heine attackierte im Atta Troll (1843) allegorisch die deutsche Politik des Vormärz. Seine „politische Dichtkunst“, wie er sie nannte, richtet sich auch in Deutschland, ein Wintermärchen (1844) pessimistisch gegen die preußische Hegemonie.

Leichte Theaterkomödien wurden um die Jahrhundertwende im deutschsprachigen Raum zum bevorzugten Medium des satirischen Witzes. Repräsentative Autoren waren die Österreicher Arthur SchnitzlerJohann Nestroy und Hugo von Hofmannsthal. Auch der Naturalismus hatte seine satirisch-sozialkritischen Dramen, etwa Gerhart Hauptmanns Biberpelz (1893) und Arno Holz‚ Blechschmiede (1902) sowie der wiederentdeckte Spätromantiker Christian Dietrich Grabbe mit seinem Lustspiel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung (1827). Ab 1900 fasste dann das Kabarett im deutschsprachigen Raum Fuß. Kabarettistische Bühnenprogramme wurden in den Großstädten zur beliebten Abendunterhaltung und zum zentralen Medium für tagesaktuelle Kritik an Politik und Zeitumständen.

Ab 1854 garantierte ein Bundesgesetz in Deutschland im Prinzip die Pressefreiheit. Klagen wegen „Pressevergehens“ und Gefängnisstrafen für Redakteure waren jedoch an der Tagesordnung. Wegen der neuen Freiheit und trotz der scharfen Überwachung durch die Staatsanwaltschaft wurden zahlreiche satirische Zeitschriften verschiedener politischer Richtungen gegründet. In England erschien seit 1841 der Punch, der sich in Anlehnung an den Pariser Charivari auch „The London Charivari“ nannte. Punch und Charivari waren Vorbilder für eine ganze Anzahl deutschsprachiger satirischer Magazine. Im Jahr der Märzrevolution 1848 erschienen beispielsweise allein in Berlin rund 35 dieser zum großen Teil sehr kurzlebigen politischen „Witzblätter“. Dauerhaften Erfolg hatten unter anderen die reich illustrierten Fliegenden Blätter (ab 1845) sowie der bürgerlich-konservative Kladderadatsch (ab 1848).

Neue Formen der Satire entstanden vor allem in diesem flexiblen Medium der Zeitschrift. Zur literarischen Satire in ihren verschiedenen Formen gesellte sich das Bildmedium, die politische Karikatur. Eine Innovation war der Cartoon, der in England entstand und durch meist unpolitische Themen gekennzeichnet war. Mit grafisch anspruchsvollen Zeichnungen und kurzen, pointierten Dialogen skizzierte er gesellschaftliche Peinlichkeiten und komische Situationen. Cartoons wurden bald auch in deutschen Zeitschriften populär; zu ihren Gestaltern gehörten die besten Grafiker des Jugendstils.

In der Zeit der Weimarer Republik von 1919 bis 1933 zählen Kurt Tucholsky und Erich Kästner (ab 1927) zu den großen Satirikern deutscher Sprache. „Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel“, beschrieb Tucholsky 1919 die Situation der Satire, die von Staat, Kirche und den konservativen Parteien bekämpft wurde. Der Wiener Kritiker Karl Kraus, der mit seiner Zeitschrift Die Fackel (1899) ein eigenes öffentliches Forum für Kritik an Sprache, Gesellschaft und Journalismus schuf, ist bis heute einer der meistzitierten Satiriker.

Nennenswert sind auch Heinrich Manns gesellschaftskritische Romane Professor Unrat (1905) und Der Untertan (1919), Ödön von Horváths Der ewige Spießer (1930) sowie die armeekritischen Abenteuer des braven Soldaten Schwejk (1920–1923) des Tschechen Jaroslav Hašek. Gleichzeitig schufen Karl Valentin und Liesl Karlstadt ihre ersten Stummfilme und Bühnenprogramme.

Der gesellschaftskritische Expressionismus brachte auch Bildende Kunst hervor, die stark satirische Züge trägt, etwa die überzeichneten, grotesken Gesellschaftsbilder von George Grosz und Otto Dix.

Nach 1933 wurden unter der Diktatur des Nationalsozialismus satirische Zeitschriften eingestellt, die Schriftsteller ins Exilgejagt. Viele satirische Werke wurden Opfer der Bücherverbrennungen und der Zensur. Manche Zeitschriften, etwa der Simplicissimus, existierten weiter, wurden aber gleichgeschaltet und mit regimetreuen Inhalten versehen.

Auch die österreichische Satirezeitschrift Die Muskete existierte noch bis 1941. Nationalistische und antikommunistische Züge waren ihr nie fremd gewesen; dennoch wurde sie für den Nationalsozialismus, der seit 1938 auch in Österreich herrschte, vereinnahmt. Das Titelblatt der letzten Ausgabe von 1941 zierte ein rotwangiges Mädchen in Bauerntracht mit einem Deutschen Schäferhund.

In den USA konnten satirische Romane dagegen aufblühen: der immens gebildete Vladimir Nabokov, der sarkastische Sinclair Lewis und der Reiseschriftsteller Evelyn Waugh gelten als herausragend.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die sogenannte Neue Frankfurter Schule, die die deutsche Satire entstaubte und zu neuen Höhen führte. Gemeinsames Forum war vor allem die Satirezeitschrift pardon (1962). Weil der Verleger den Kurs des Hefts änderte, gründeten pardon-Mitarbeiter 1979 das Satireheft Titanic, das nach wie vor monatlich erscheint. Gerade die Geschichte der Titanic belegt, dass auch in der Bundesrepublik Deutschland Satire nicht alles darf; mehrmals wurde die Titanic gerichtlich zur Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt.

In der DDR erschien ab 1954 das Magazin Eulenspiegel, das noch heute erscheint, sich jedoch seit der Wende stark gewandelt hat, vor allem auch stilistisch, und in vielen Aspekten der Titanic ähnelt.

Erfolgreicher als die Neue Frankfurter Schule waren in Deutschland, gerechnet an den Verkaufszahlen, allerdings die bürgerlichen Satiren von Ephraim Kishon und Loriot. Romane mit satirischen Zügen stammen von u. a. Wolfgang Koeppen (Das Treibhaus, 1953), Martin Walser (Ehen in Philippsburg, 1957), Günter Grass (Die Blechtrommel, 1959). Obwohl sie auch als Gesellschaftsporträts lesbar sind, tragen sie doch deutliche Züge der zugespitzten satirischen Weltdarstellung. Als literarische Gattung konnte sich der satirische Roman jedoch nicht wieder etablieren.

In Österreich gab es mehrere (kurzlebige) Satiremagazine. In den 1950er Jahren war das die Leuchtkugel, von 1982 bis 1985 der Watzmann, zeitgleich der Luftballon und 1997 der Simplicissimus. Seit 2009 der Rappelkopf.

Wenn man von satirischen Bewegungen sprechen kann, trifft man diese vor allem in Frankreich an. Um 1900 erfand Alfred Jarry die parodistische Wissenschaft der Pataphysik, die 1948 in der Gründung des Collège de ’Pataphysique wieder aufgenommen wurde. Auch den Kunstbewegungen des SurrealismusDada und der Situationistischen Internationalekönnen satirische Züge nachgewiesen werden, wenn man ihre ironisch-spielerischen und humorvollen Tendenzen hervorhebt.“

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Satire